Trend Enzyklopädie - Futureclick

Zellspritze lässt gelähmte Hunde wieder laufen

Rückenmarksverletzungen. Substanzen aus der Nasenschleimhaut könnten helfen, Verletzungen des Rückenmarks zu heilen – sie sollen die Gesundung von Zellen ankurbeln. Im Versuch mit gelähmten Hunden hat sich die Technik bewährt, ein Allheilmittel ist die Methode aber nicht. Jasper läuft wieder. Für May Hay, die Besitzerin des Dackels, ist es ein Wunder: „Vor dem Versuch konnte er überhaupt nicht gehen. Jetzt sprintet er wieder ums Haus und hält mit unseren anderen beiden Hunden mit. Es ist wie Magie“, schwärmt die Britin.


Hund mit gelähmten Hinterbeinen: Neue Therapie an Vierbeinern erprobt

Jasper ist einer von 23 querschnittgelähmten Hunden, denen in einem Experiment bestimmte Zellen ins Rückenmark gespritzt wurden. Weitere elf Hunde bekamen zwar ebenfalls die Spritzen, jedoch wurde ihnen nur eine winzige Menge Flüssigkeit ohne jegliche Zellen injiziert. Sie dienten als Placebo-Gruppe. Zudem wussten weder die Besitzer noch die Forscher, die in den folgenden Monaten die Lauffähigkeit der Hunde bewerteten, welches Tier Zellen erhalten hatte und welches nur Flüssigkeit. Das sollte gewährleisten, dass die Ergebnisse nicht durch die Erwartungshaltungen von Wissenschaftlern oder Besitzern verzerrt werden.

Im Fachmagazin „Brain“ berichtet das britische Forscherteam vom Erfolg der Methode – aber vor allem von ihren Grenzen. Nicolas Granger von der University of Cambridge und seine Kollegen wollten mit dem Versuch klären, ob sich die Methode, die in der Grundlagenforschung an Labortieren vielversprechende Ergebnissen lieferte, auch tatsächlich für einen späteren Einsatz beim Menschen eignen könnte. Das Fazit: Wenn, dann taugt die Methode nur in Kombination mit anderen Eingriffen.

Die Haustiere litten mindestens drei Monate an der Lähmung

Die Hunde waren allesamt Haustiere, die seit mindestens drei Monaten an einer Lähmung der Hinterbeine litten. Das entspricht nach Angaben der Forscher bei Menschen einer Spanne von einem Jahr, das seit der Verletzung verstrichen ist. Viele der teilnehmenden Hunde waren Dackel, da diese relativ häufig eine Lähmung entwickeln – schon eine verrutschte Bandscheibe kann eine solche auslösen.

Zuerst entnahmen die Forscher den Tieren ein Stückchen Nasenschleimhaut. Im Labor reinigten sie diese auf, so dass im Wesentlichen ein Zelltyp übrigblieb, die sogenannten olfaktorischen Hüllzellen. Diese Nervenzellen sind dafür bekannt, dass sie sich gut regenerieren können – ganz im Gegensatz zum Rückenmark.

Nachdem sie den Hunden die Zellen – beziehungsweise nur die Flüssigkeit – gespritzt hatten, maßen sie im folgenden halben Jahr einmal pro Monat, wie gut die Tiere beim Gehen Vorder- und Hinterbeine koordinieren konnten. Dazu stellten sie die Vierbeiner bei verschiedenen Geschwindigkeiten auf ein Laufband. Hier zeigte sich bei den Hunden, die die Zellspritze bekommen hatten, eine stärkere Verbesserung als bei der Placebo-Gruppe.

Zusätzlich ermittelten die Forscher beim größeren Teil der Tiere, ob diese ihre Blase besser unter Kontrolle hatten. Doch hier zeigte sich kein Unterschied zwischen Therapie- und Placebo-Gruppe.

Eine frühere Studie hatte schon gezeigt, dass die Methode an sich bei Hunden recht sicher ist. Als Nebenwirkungen verzeichneten die Forscher zwei Darmverschlüsse bei den Hunden, die die Zellspritze erhalten hatten. Je ein Hund aus der Therapie- und aus der Placebo-Gruppe litt direkt nach dem Eingriff deutlich unter Schmerzen. Vier Tiere – drei aus der Therapie-, einer aus der Placebo-Gruppe – starben während des Studienzeitraums. Diese Todesfälle standen jedoch nicht im Zusammenhang mit dem Eingriff, so die Forscher.

Als alleinige Therapie wohl nicht zu empfehlen

Wie wirkt die Zellspritze? Die Wissenschaftler vermuten, dass die Hüllzellen im Rückenmark dafür sorgen, dass lokal über kurze Strecken neue Nervenverbindungen entstehen. Dadurch würde sich dann die Signalweiterleitung über kurze Strecken verbessern – aber nicht die vom Gehirn zu zentralen Schaltstellen im Rückenmark.

Damit ist der potentielle Nutzen beim Menschen eingeschränkt. „Wir sind zuversichtlich, dass die Technik querschnittsgelähmten Patienten zumindest einen kleinen Teil der Bewegungsfähigkeit zurückgeben kann. Aber das ist weit davon entfernt, dass sie möglicherweise alle verlorenen Fähigkeiten wiederherstellt“, sagt Robin Franklin, der an dem Experiment beteiligt war.
Die Wissenschaftler erwähnen eine frühere Studie, laut der Querschnittsgelähmte nicht bloß hoffen, wieder gehen zu können. Sie wünschen sich ebenso stark, dass sie wieder sexuell so aktiv sein können wie vor der Lähmung und dass sie wieder kontinent sind. Das Hunde-Experiment deutet jedoch stark darauf hin, dass dies mit der Nasenzellen-Injektion nicht erreicht wird.

Die Forscher schließen daraus, dass die Zellspritze in Kombination mit anderen Methoden hilfreich sein könnte. Als alleinige Therapie bietet sie sich nach diesem Versuch vielleicht für Dackel an – aber nicht für Menschen.

via: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/

Speak Your Mind