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Wir sind jetzt sieben Milliarden

Weltbevölkerung. Sieben Milliarden Menschen werden am kommenden Montag auf der Erde leben – und das Ende des Wachstums ist noch lange nicht erreicht, heißt es im neuen Weltbevölkerungsbericht der Uno. Arme Länder kämpfen gegen Hunger und Armut, während reiche Staaten wie Deutschland vergreisen.

Nur zwölf Jahre hat es gedauert, um eine weitere Milliarde Menschen auf die Welt zu bringen. Erst 1999 hatte die globale Bevölkerung die Schwelle von sechs Milliarden überschritten. Am kommenden Montag, so die Prognose der Vereinten Nationen, fällt die Grenze zur siebten Milliarde.

Ob es tatsächlich so kommen wird, weiß natürlich niemand. Das Census Bureau der US-Regierung etwa geht davon aus, dass die siebte Milliarde erst am 4. Januar 2012 erreicht wird. Am 1. November würden demnach noch 30 Millionen fehlen. Ebenso gut ist möglich, dass es schon jetzt mehr als sieben Milliarden gibt. Der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) hat sich trotz allem auf den 31. Oktober festgelegt – passend zum Weltbevölkerungsbericht 2011, der am Mittwoch veröffentlicht wurde.

Darin sind alle Chancen und Probleme abzulesen, die das explosionsartige Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahrzehnte mit sich bringt. Die Menschheit wächst demnach aktuell um 80 Millionen pro Jahr, was in etwa der Bevölkerung Deutschlands entspricht. Der UNFPA geht davon aus, dass es zur Jahrhundertmitte 9,3 Milliarden und bis zum Jahr 2100 mehr als zehn Milliarden Menschen geben wird.

„Die Menschen leben heute länger und gesünder“

Die Unsicherheiten sind allerdings groß: Je weiter man in die Zukunft blickt, desto größer klaffen die Ergebnisse der Uno-Szenarien auseinander. Sollte etwa die Geburtenrate in den bevölkerungsreichsten Ländern nur ein wenig höher ausfallen als erwartet, könnte es 2050 statt 9,3 auch 10,6 Milliarden Menschen geben – und 2100 gar 15 Milliarden. Ein Szenario mit anderen Voraussetzungen besagt dagegen, dass die Weltbevölkerung schon 2045 mit 8,1 Milliarden ihren Zenit erreicht und bis 2100 auf knapp 6,2 Milliarden schrumpft.

Asien wird nach Angaben des UNFPA bis zum Jahr 2100 der mit Abstand bevölkerungsreichste Kontinent bleiben. Heute leben dort rund 4,2 Milliarden Menschen, mehr als in allen anderen Weltregionen zusammen. Bevölkerungsreichstes Land ist derzeit China mit 1,35 Milliarden Einwohnern vor Indien mit 1,24 Milliarden. Schon 2025 aber dürfte Indien mit 1,46 Milliarden Einwohnern wegen der Ein-Kind-Politik in China die Nase vorne haben, während China bei voraussichtlich 1,39 Milliarden beinahe stagniert.

Global gerechnet verliert das Bevölkerungswachstum aber seit Jahren an Fahrt. In den sechziger Jahren lag es noch bei mehr als zwei Prozent pro Jahr, heute beträgt es nur noch etwas mehr als ein Prozent. Der neue Weltbevölkerungsbericht enthält auch weitere durchaus gute Nachrichten.

So habe die durchschnittliche Lebenserwartung in den fünfziger Jahren nur 48 Jahre betragen, im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends habe sie 68 Jahre erreicht. Die Zahl von Kindern pro Frau sei im gleichen Zeitraum von 6 auf 2,5 gefallen, die Säuglingssterblichkeit von 133 auf 46 pro 1000 zurückgegangen. Zudem hätten Impfkampagnen die Verbreitung von Kinderkrankheiten stark verringert. „Die Menschen leben heute länger und gesünder“, sagt der frühere nigerianische Gesundheitsminister und UNFPA-Chef Babatunde Osotimehin.

Bevölkerungswachstum an den falschen Stellen

Diese eigentlich positiven Faktoren haben allerdings auch zum rasanten Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahrzehnte beigetragen – und das findet häufig in Ländern statt, die es sich eigentlich nicht leisten können. „In einigen der ärmsten Staaten behindern hohe Geburtenraten die Entwicklung und verfestigen Armut“, betont der UNFPA.

Eine Zahl verdeutlicht das Dilemma: Die Bevölkerung Afrikas wird laut der Uno-Prognose bis zum Jahr 2100 von heute einer Milliarde auf 3,6 Milliarden anschwellen. Selbst im niedrigen Szenario der Uno sind es 2,3 Milliarden, im hohen gar über fünf Milliarden. In Asien wiederum wird die Bevölkerungszahl nach den Prognosen um die Mitte des Jahrhunderts ihr Maximum von etwas mehr als fünf Milliarden erreichen und dann langsam schrumpfen.

In Europa wird der Scheitelpunkt bereits im Jahr 2025 mit 740 Millionen erwartet. Dort, so warnen die Vereinten Nationen, gefährdeten niedrige Geburtenraten das Wirtschaftswachstum und die Sozialsysteme.
Das bekommt auch Deutschland zu spüren. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, die ebenfalls am Mittwoch veröffentlicht wurde, wird die Bevölkerung bis 2030 die Grenze von 80 Millionen unterschreiten, 2060 dann nur noch 65 bis 70 Millionen betragen. Die Zahl der über 80-Jährigen werde bis 2030 bundesweit um fast 60 Prozent zunehmen, in Berlin und Brandenburg sich sogar fast verdoppeln. „Die Alterung in Deutschland schreitet aber auch insgesamt voran“, hieß es. „Bis 2030 wird die Hälfte der Einwohner älter als 49 Jahre sein.“

Auch UNFPA-Chef Osotimehin warnte vor den Folgen der veränderten Bevölkerungsstruktur. „Heute sind 893 Millionen Menschen älter als 60″, sagte er. „In der Mitte des Jahrhunderts wird diese Zahl auf 2,4 Milliarden steigen.“ Bei dieser Verdreifachung müsse sich jeder fragen, was er für Ältere tun könne, damit sie weiter eine aktive Rolle in der Gesellschaft spielten. Gleichzeitig seien heute aber auch 43 Prozent aller Menschen jünger als 25 Jahre alt, in einigen Ländern sogar 60 Prozent. „Im Laufe meines Lebens hat sich die Weltbevölkerung fast verdreifacht“, sagte Osotimehin, der 1949 zur Welt kam. „Wir sind sieben Milliarden Menschen mit sieben Milliarden Chancen.“

via: http://www.spiegel.de/wissenschaft/

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