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Wikipedia als Buch

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Wer wird sich wohl Wikipedia ins Regal stellen? Vor zwei Monaten erst hat der Brockhaus-Verlag angekündigt, seine berühmte Enzyklopädie nicht mehr in gedruckter Form zu veröffentlichen. Stattdessen solle der gesamte Inhalt frei zugänglich ins Internet gestellt werden. Das hat in der Verlagsbranche für großen Wirbel gesorgt. Nun geht die Online-Enzyklopädie Wikipedia offenbar genau den anderen Weg.


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Das Bertelsmann Lexikon Institut bringt im Sommer eine Druck-Ausgabe heraus. Das einbändige Werk soll ab September im Buchhandel für 19.95 Euro erhältlich sein. Auf knapp 1000 Seiten werden in gekürzter Fassung die 50.000 meistgesuchten Begriffe der Online-Enzyklopädie präsentiert.

Ein kommerzieller Verlag hat damit ein nicht-kommerzielles Projekt für sich entdeckt. Tatsächlich hat Wikipedia einen rasanten Aufstieg hinter sich. Innerhalb weniger Jahre hat sich das Projekt – gemessen an der Zahl der veröffentlichten Artikel – zur größten aller Enzyklopädien entwickelt. Und viele Tests haben gezeigt: Im Vergleich zu den Traditionsmarken schneidet das Online-Lexikon nicht schlecht ab. „Die Marke ‚Wikipedia‘ ist in den vergangenen Jahren immer stärker geworden“, bestätigt Beate Varnhorn, Verlagsleiterin des Bertelsmann Lexikon Instituts, „geschadet hat uns Wikipedia aber nicht“.

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Die Leser gewichten die Themen

Bertelsmann will mit dem Projekt neue Zielgruppen für Einbandlexika erreichen. Zum einen jüngere „online-affine“ Leser, die in dem Band ihre Interessen viel eher wiederfänden als in einem traditionellen Lexikon. Der Inhalt unterscheide sich doch erheblich vom klassischen Lexikon. Weil die Stichwörter nicht nach den althergebrachten Kriterien wie „Relevanz“ ausgewählt wurden, sondern allein nach Suchhäufigkeit in den Jahren 2007 und 2008, enthält das Buch viele Begriffe, die kaum Chancen hätten, in ein klassisches einbändiges Lexikon zu kommen. Leser finden daher weit mehr Beiträge über Musikgruppen und Fernsehserien als in traditionellen Lexika.

Zum anderen sollen ältere Leser angesprochen werden, die zwar kaum das Internet nutzen, die aber grundsätzlich auch von der Wikipedia-Idee profitieren wollen. Also von der Idee, dass Leser für Leser schreiben und von ihnen wieder kontrolliert werden. Außerdem gehören Eltern zur Zielgruppe, die ihre Sprößlinge zum gedruckten Buch hinführen wollen, aber nicht genau wissen wie.

Ob das alles auch so klappt? Beate Varnhorn hat da wenig Zweifel: „Wir sind sehr optimistisch“, sagt die Verlagsleiterin, „auf die erste Meldung hat es unmittelbar Nachfragen aus dem Buchhandel gegeben“. Über die Höhe der Auflage will sie indes nichts verraten. Als Konkurrenz zum hauseigenen klassischen Einband-Lexikon sieht sie das neue Lexikon nicht.

Auch für Wikipedia springt etwas heraus: Ein Euro für jedes verkaufte Lexikon zahlt Bertelsmann an den gemeinnützigen Verein Wikimedia Deutschland. Ob dabei eine größere Summe zusammenkommt, muss sich erst zeigen. Obwohl die Autoren umsonst arbeiten, benötigt Wikipedia Millionen. Dabei ist das Projekt – der Grundidee „des „freien Wissen“ verpflichtet – bislang allein auf Spenden angewiesen.

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