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Neuartiger Lügendetektor

Wärmesensor soll Schwindler enttarnen. Lüge oder Wahrheit?: Temperaturveränderungen im Gesicht sollen Hinweise darauf geben. Ein Lügendetektor, für den der Befragte nicht verkabelt wird: Britische Forscher haben diese neue Technik präsentiert. Das Gerät nimmt Mimik und Veränderung des Blutflusses im Gesicht wahr. Allerdings ist die Trefferquote bescheiden. Trotzdem planen die Wissenschaftler einen Test am Flughafen.

Den klassischen Lügendetektor kennt man aus zahlreichen Filmen. Mit ein paar Elektroden versehen, müssen Verdächtige harmlose und verfängliche Fragen beantworten – bis der sogenannte Polygraf bei den entscheidenden Antworten deutlich ausschlägt oder eben nicht.

Lüge und Wahrheit anhand verschiedener körperlicher Reaktionen wie Blutdruck und der elektrischen Hautfähigkeit zu messen, ist keine neue Idee. Bereits vor über 90 Jahren haben Forscher das Konzept entwickelt. Eine absolute Gewissheit haben die Geräte allerdings nie gegeben.
Britische Wissenschaftler um Hassan Ugail von der Bradford University haben jetzt eine neue Form von Lügendetektor präsentiert. Sie kommt ohne eine Verkabelung des Befragten aus und könnte so auch ohne dessen Wissen angewendet werden – damit unterscheidet sich die Technik vom Polygrafen. Das Gerät haben die Forscher in Zusammenarbeit mit der Aberystwyth University und der für Grenzschutz und Zoll zuständigen UK Border Agency entwickelt.

Durchblutung weist auf veränderte Hirnaktivität

Ein Wärmesensor misst Veränderungen des Blutflusses im Gesicht, insbesondere in der Augenregion. Wenn jemand lüge, verändere sich die Hirnaktivität und das könne die Wärmekamera erkennen, erklärt Ugail gegenüber der BBC. Zusätzlich nimmt eine normale Kamera Veränderungen der Mimik auf. Dass beim Lügen bestimmte Muster im Gesicht zu erkennen sind, ist aus der psychologischen Forschung bekannt. Tatsächlich sind Mimikdetektoren seit einigen Jahren im Einsatz. Mittels eingebauter Algorithmen berechnet das System aus den gewonnenen Informationen – Wärme und Mimik – ob jemand die Wahrheit sagt oder nicht.

An der Genauigkeit werden Ugail und seine Kollegen jedoch noch schrauben müssen. In zwei von drei Fällen liege das Gerät richtig, sagte der Forscher der BBC. Im Juni hatte er gegenüber der Bradforder Lokalzeitung „Telegraph & Argus“ noch von einer Genauigkeit zwischen 70 und 80 Prozent gesprochen. So oder so unterliegt das Gerät bisher dem Polygrafen, dem je nach Situation bis zu 90 Prozent Genauigkeit zugesprochen werden.

Die Entwicklung sei längst nicht fertig, wird der Ugail zitiert. Allerdings peilt er bereits Praxistests an einem nicht näher benannten britischen Flughafen an. Das Gerät könne neben erfahrenen Sicherheitskräften, die Befragungen durchführen, zum Einsatz kommen. Dann könnten die Forscher ihre Ergebnisse mit denen der Beamten abgleichen.

Tausende falsch verdächtigt

Ob sich so ein Einsatz bewährt ist allerdings fraglich, wenn man sich Berechnungen aus den USA zum Polygraphen anschaut. Dort – und wenigen anderen Staaten – werden die Geräte in drei Bereichen eingesetzt, wie die American Polygraph Association mitteilt:

– Bei der Befragung von Bewerbern, die bei der Polizei oder bei anderen Behörden arbeiten wollen,
die mit der nationalen Sicherheit betraut sind.

– Bei der Befragung von Behördenmitarbeitern, die mit speziellen Projekten betraut sind.

– Bei der Befragung von Verdächtigen in Kriminalfällen.

Der National Research Council der USA hat den Einsatz der Geräte umfangreich untersucht und dabei einige Berechnungen aufgestellt, die stutzig machen können. Zu bedenken ist grundsätzlich: Der Test liefert sowohl falsch-positive Ergebnisse – so dass ein die Wahrheit sagender als Lügner eingestuft wird -, oder falsch-negative, bei denen ein Lügner unerkannt davon kommt.

Ein prägnantes Szenario: Der Lügendetektor arbeitet mit einer Genauigkeit von 90 Prozent und die Auswertung wird so gesetzt, dass man in einer Gruppe von 10.000 Mitarbeitern einer US-Behörde die große Mehrheit der darunter verborgenen Spione findet – im Beispiel sind es zehn. Dann würden acht der Spione durch den Test als solche erkannt – aber auch 1598 loyale Mitarbeiter als vermeintliche Spione eingeordnet werden. In weiteren Tests müsste man dann aus dieser großen Gruppe Verdächtiger die wahren Schuldigen aussieben. Alternativ ließe sich der Test so durchführen, dass es deutlich weniger falsch-positive Ergebnisse gibt – nämlich nur 39. Dann allerdings würden acht der zehn Spione als treue Mitarbeiter durchgehen.

Der Polygrafen-Test stelle die Behörde vor die unmögliche Entscheidung, dass zu viele loyale Mitarbeiter fälschlicherweise als Lügner eingestuft werden oder aber zu viele Sicherheitsrisiken nicht entdeckt werden, folgern die Forscher im Bericht.

An einem Flughafen dürfte das nicht anders aussehen. Dort werden tagtäglich Menschenmengen durchgeschleust und auch viele befragt – von denen die überwiegende Mehrheit einfach nur auf Reisen ist.

Ein grundsätzliches Problem des Lügendetektors löst nämlich auch das neue Gerät nicht. Ebenso wie der Polygraf misst es nur indirekt, ob jemand lügt. Erkannt wird anhand der körperlichen Reaktionen vielmehr, ob der Befragte aufgeregt ist, sich fürchtet, nervös ist. Und natürlich können unschuldig Verdächtige aufgeregt sein – oder harmlose Touristen bei einer Befragung bei den falschen Fragen schrecklich nervös werden. Ob sich die Technik an Flughäfen durchsetzt, ist also mehr als fraglich.

via: http://www.spiegel.de/

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