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Methusalem-Gen geknackt

Altersforschung: Wissenschaftler knacken Methusalem-Gene. Fit mit 100 Jahren (Designer Viktor Schreckengost 2006): Nicht nur eine Frage der Gene
Sie suchten das Geheimnis des gesunden Alterns und durchforsteten das Erbgut von mehr als tausend Greisen. Jetzt haben Forscher entdeckt: 150 Genvarianten sorgen für ein langes Leben. Wer viele davon trägt, hat gute Chancen auf den hundertsten Geburtstag.


Eugénie Blanchard, das sagt uns das Online-Lexikon Wikipedia, ist, wenn man so will, das Oberhaupt der Menschheit: Mit 114 Jahren ist sie derzeit der älteste lebende Mensch der Welt. Am 16. Februar 1896 wurde sie auf der französischen Insel der Kleinen Antillen Saint-Barthélemy geboren und hat fast ihr ganzes Leben dort gelebt. Noch älter wurde die Südfranzösin Jeanne Calment, die 1997 starb: Sie lebte 122 Jahre und 164 Tage, die längste bis dato bekannte Spanne überhaupt. Eine Lebensdauer von 102 Jahren wie die des amerikanischen Designers Viktor Schreckengost (unser Bild) ist inzwischen nichts Besonderes mehr.

Denn Industrialisierung, bessere Hygiene und der medizinische Fortschritt haben nach und nach die natürliche Altersgrenze des Menschen nach oben verschoben: Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt mit jedem Jahr um weitere drei Monate – und das seit gut 160 Jahren. Generell liegt sie in den Industrieländern derzeit bei rund 80 Jahren.

Aber was genau unser Lebensalter bestimmt, kann keiner sagen. Um es gleich vorneweg zu sagen: Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit wird das auch niemals gelingen – viel zu komplex ist der Alterungsprozess, zu viele Faktoren beeinflussen unsere Vitalität, unsere Gesundheit sowie unsere geistigen und körperlichen Fähigkeiten.

Und doch hat die Forschung unser Verständnis und unser Wissen über das Altern in den vergangenen Jahren revolutioniert.

Meilenstein der Altersforschung

Zu den Forschern, die dem Quell der ewigen Jugend hinterherjagen, gehört auch eine Forschergruppe um Paola Sebastiani und Thomas Perls von der Boston University, die jetzt im Fachmagazin „Science“ von sich reden macht: Ihr Ansatz – die Jagd nach den Methusalem-Genen – ist zwar nicht neu, aber er wird trotzdem als Meilensteinen in die Geschichte der Altersforschung eingehen. Denn Sebastiani, Perls und seine Kollegen sind die ersten, die ein genetisches Muster für Langlebigkeit entschlüsselt haben.

150 verschiedene Merkmale im Erbgut haben sie identifiziert, die für ein langes Leben offenbar ausschlaggebend sind. Ihre Erkenntnis leiten sie aus den Genom-Analysen von 1055 Hochbetagten ab, Menschen, deren Alter zwischen 95 und 119 Jahren lag und die obendrein noch überraschend fit waren. Ihnen stellten sie verschiedene Kontrollgruppen von insgesamt 1267 Personen gegenüber, darunter zum Beispiel eine, deren Eltern im Schnitt „nur“ 73 Jahre alt geworden waren.

Die „Hundertjährigen“, wie die Forscher die Gruppe der Hochbetagten nannten, hatten etwas, was die Kontrollpersonen nicht hatten: Je mehr der maßgeblichen 150 Varianten sich in ihrem Erbgut befanden, desto länger lebten sie – und zwar bei relativ guter Gesundheit. So besaß die Gruppe der über 110 Jahre alten Versuchsteilnehmer die meisten der Genvarianten, die mit Langlebigkeit assoziiert sind.

Die Studienart, die Genetiker anwendeten, ist eine Methode, die in den vergangenen Jahren immer mehr in Mode gekommen ist: Sie nennt sich GWAS, was auf Englisch Genome-wide association study heißt und mehr oder weniger die Kombination aus epidemiologischen Studien und Genom-Analysen ist. Dabei untersuchen die Forscher sogenannte Punktmutationen, das heißt einzelne veränderte Bausteine der DNA, die ungleich verteilt im menschlichen Genom auftreten, und von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind. Auf diese Weise konnten die Forscher die Hundertjährigen anhand ihrer genetischen Signaturen sogar in 19 Gruppen einteilen. Jede Gruppe korrelierte mit einer bestimmten Lebensdauer.

Methusalem-Gene schützen auch vor Krankheiten

Die Ergebnisse der Forscher verführen freilich zu weitreichenden Visionen: Die Entschlüsselung dieser genetischen Muster kann den Fortschritt zu einer „personalisierten Genforschung und zu medizinischer Betreuung mit Prognosecharakter“ weiter vorantreiben, glaubt etwa der Biostatistiker Perls. Und Sebastiani ist der Meinung, dass die Analysemethode, die das Forscherteam entwickelt hat, auf andere komplexe Merkmale übertragen werden könnte. Die Hoffnung der Forscher ist es, auch bei Alzheimer, Parkinson oder Herzerkrankungen genetische Muster zu finden – und so eine maßgeschneiderte Therapie oder bessere Präventionsmöglichkeiten zu entwickeln.

Auch das Zusammenwirken von Altern und Krankheit haben die Forscher in ihren Analysen miteinbezogen. Bei den Testpersonen mit den Methusalem-Genen würden altersbedingte Krankheiten wie etwa Demenz deutlich später ausbrechen, berichten sie. Allerdings, das haben die GWAS-Analysen der Forscher ebenfalls ergeben, ist das Vorkommen von Genvarianten, die mit einem erhöhten Risiko für bestimmte Erkrankungen in Verbindung gebracht werden, keineswegs geringer als in den Vergleichsgruppen.

Die Befunde legten aber nahe, dass die Langlebigkeitsgene den Ausbruch genetisch vorbestimmter Krankheiten verzögerten. „Deshalb könnte die Vorhersage von Krankheitsrisiken anhand krankheitsverursachender Genvarianten ungenau und irreführend sein“, schreiben die Forscher. Schließlich könnten andere Genvarianten, wie etwa die Langlebigkeitsgene, das Erkrankungsrisiko mindern.

Eines haben die Forscher dennoch nicht vergessen – und gleich zu Beginn ihres „Science“-Artikels geschrieben: Gesundes Altern wird nicht allein durch die Gene bestimmt. Und wer weit vor seiner genetisch definierten Zeit stirbt, ist häufig selbst schuld. „Rauchen, fehlende Bewegung und üble Ernährung“, das hat der Altersforscher Tom Perls bereits vor vielen Jahren einmal gesagt, seien die gängigsten Abkürzungen in den Tod.

via: www.spiegel.de/wissenschaft/

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