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Google baut den Weltscanner

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Neue Handy-Suchfunktion. Das Handy vor ein Gebäude, eine Flasche Wein oder ein Logo halten, klick! ein Foto machen – und schon erscheinen auf dem Display alle relevanten Informationen zu dem Objekt: Per Handysoftware will Google jetzt die reale Welt erschließen – und gleichzeitig das Web in Echtzeit durchforsten lassen.


Mit Google kann man die Welt jetzt auch per Handy-Kamera durchsuchen. Auf einer Presseveranstaltung in Kalifornien zeigte das Unternehmen eine neue Handysoftware namens Google Goggles. Sie soll es ermöglichen, Gegenstände, Gebäude oder Kunstwerke zu fotografieren und sich dann sofort Informationen über die jeweiligen Objekte ausgeben zu lassen.

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Wie das funktioniert, zeigte Google-Manager Vic Gundontra: Mit seinem Handy fotografierte er eine Flasche Wein – und erhielt daraufhin in seinem Handybrowser Auskünfte darüber, wo der Tropfen angebaut wurde, welche Geschmacksnuancen er aufweist und wo man ihn kaufen kann. Auf ähnliche Weise soll das System auch Informationen zu unzähligen anderen Objekten liefern.
Klingt revolutionär.

Doch noch steckt die Technologie in den Kinderschuhen:

Sie beschränkt sich vorerst auf Sehenswürdigkeiten, Bücher, Kunst, Lokale, Wein und Logos.
Sie ist zunächst nur für Mobiltelefone mit Googles Android-Betriebssystem verfügbar. Besitzer eines solchen Handys können sich die „Google Goggles“-Applikation kostenlos aus dem Android Market, Googles Handysoftwareshop, herunterladen. Ob oder wann auch andere Mobiltelefonbetriebssyteme mit entsprechender Software bestückt werden können, lässt Google noch offen. Gut möglich aber, dass das System ausschließlich Android vorbehalten bleibt – so wie es auch mit der Navigationssoftware Google Maps Navigation ist.
Google warnt vor zu hohen Erwartungen: Die Software, die unter Leitung des deutschen Entwicklers Hartmut Neven entwickelt wurde, befinde sich noch in einem frühen Stadium, sei bei weitem noch nicht perfekt und werde kontinuierlich erweitert und verbessert.
Trotzdem: Erste Tests des neuen Angebots beeindruckten Blogger, etwa die Experten des Branchendienstes Techcrunch.

Welche Technik hinter der digitalen Google-Brille steckt, hält das Unternehmen bislang geheim. Klar ist allerdings, dass man Google Goggles nicht mit Programmen aus dem Bereich Augmented Reality verwechseln sollte: Während sich solche Applikationen ausschließlich an GPS- und Kompassdaten orientieren, scheint Googles Goggles tatsächlich eine Analyse des Bildinhalts durchzuführen, etwa so wie es auch die Gesichtserkennung von Google Picasa oder Apples iPhoto macht.

Zeitgleich mit der Suche per Foto will Google nun offenbar mehr und mehr auch Business-Funktionen in sein System integrieren. Das hauseigene Handy-Betriebssystem Android spielt dabei eine wichtige Rolle. Digitales Kartenmaterial und GPS-gestützte Online-Navigation waren nur die ersten Schritte auf dem Weg, die physische Realität „googlebar“ zu machen.

So verschickte der Internetkonzern diese Woche massenweise Aufkleber mit sogenannten QR-Codes an Restaurants, Firmen, Kinos und andere Geschäfte in den USA. Eine Aktion, bei der sich einmal mehr Googles ausuferndes Datenbankwissen auszahlte. Denn die QR-Codes, eine moderne Version jener Barcodes, die man aus dem Supermarkt kennt, wurden an jene 100.000 Unternehmen verschickt, nach denen Nutzer von Google und Google Maps besonders häufig suchen. Deshalb bezeichnet das Unternehmen die Orte kurzerhand als “ Favorite Places“.

Für Besitzer von Google-Handys sollen diese Aufkleber-Codes einen konkreten Nutzwert bringen. Und so funktioniert’s:

Per Handy-Kamera scannt man den Code ein.

Auf dem Display erscheinen dann Informationen über das jeweilige Restaurant, Kino oder Geschäft, darunter auch Tipps anderer Nutzer.
Die Ergebnisse können mit einem Sternchen markiert werden – zur Erinnerung, dass man sie später aufsuchen will.
Teilnehmende Unternehmen können Online-Coupons bereitstellen. Wer also beispielsweise den QR-Code eines Cafés einscannt, bekommt dort beim Besuch eine Tasse Kaffee kostenlos. Wer in einem Restaurant gegessen hat, kann via QR-Code selbst ein Gastro-Kritik schreiben.
Zwei Einschränkungen gibt es bei diesem Service allerdings: Zum einen gibt es Googles QR-Codes nur in den USA, zum anderen braucht man zum Auslesen der Codes eine spezielle Handysoftware. Beispiele für solche Programme nennt Google auf einer Favorite-Places-Website.

Mit Google zusehen, wie das Web wächst

Parallel zu diesen neuen Möglichkeiten, die echte Welt zu durchsuchen, hat Google eine Funktion angekündigt, die das Internet in Echtzeit durchsuchen lässt: Womit beschäftigen sich in diesem Moment die meisten Nutzer von Twitter, Facebook und bestimmter Blogs? Was äußern Menschen jetzt gerade im Netz über Google? Wie reagieren sie auf neue Produktankündigungen?

Sucht man gegenwärtig Antworten auf solche Fragen, sind die Ergebnisse, die Googles neue Echtzeitsuche ausgibt, noch enttäuschend. Die Suche verarbeitet zwar Twitter-Nachrichten und Updates von Facebook-Seiten – oft ist der Dienst aber nicht verfügbar. Erhält man dann doch mal ein Ergebnis, hinterlässt es oft einen schalen Beigeschmack – wie es beispielsweise in einem Twitter-Kommentar treffend resümiert wurde: „Ist das hier nicht eine kontextsensitive Twitter-Suche, die in Googles Suchergebnisse integriert wurde?“

Einerseits ist es das. Andererseits steht hinter diesem Twitter-Kommentar „1 minute ago“ – vor einer Minute wurde er geschrieben. Googles Marketing-Verantwortliche könnten also fast in Echtzeit verfolgen, wie technikaffine Menschen neue Ideen des Unternehmens kommentieren.

Derzeit ist Googles Echtzeitsuche eine Art ungefilterter „Bewusstseinsstrom“ zu einem Stichwort: Jeden Moment verändert sich die Seite mit den Suchergebnissen. Man sieht, wie das Web wächst. Aber man erfährt nicht, welche Informationen wirklich interessant sind, in welcher Beziehung die neuen Inhalte zueinander stehen, welche Themen gerade heiß diskutiert werden, wie relevant die Quellen im Web eingeschätzt werden.

Der Haken ist beim jetzigen Stand einfach, dass Google die hereinströmenden Suchergebnisse nicht so auswertet, dass für den Nutzer ein echter Mehrwert entsteht. Man muss die Masse an neuen Texten, Meinungen und Hinweisen umständlich und zeitraubend durchkämmen. Twitter-Treffer dominieren, von den versprochenen MySpace- und Facebook-Updates ist nicht viel zu sehen. Möglicherweise liegt das daran, dass Facebook dem Konkurrenten Google die große und wirklich interessante Masse an Echtzeitinhalten vorenthält: Google erfährt nur, worüber Firmen und Prominente auf Facebook-Seiten schreiben. Was die Masse von Privatpersonen öffentlich auf ihren Profilseiten schreibt, gibt Facebook nicht weiter.

Google als Werkzeug für Öffentlichkeitsarbeiter

Sollte sich das ändern, käme es einer kleinen Revolution gleich: Schafft es ein Such-Unternehmen, alle Meinungsquellen im Netz stimmig auszuwerten und die Ergebnisse so aufzubereiten, dass ein echter Erkenntnisgewinn entsteht, dürfte dies eine Goldgrube für Marktforscher, Öffentlichkeitsarbeiter, Unternehmen und auch Medien sein. Viele Firmen arbeiten sich schon heute daran ab, herauszufinden, womit Menschen sich im Netz beschäftigen, wofür sie sich interessieren und was sie über bestimmte Dinge denken.

Microsoft hat für seine Suchmaschine Bing bereits Verträge mit Facebook und Twitter zum Abgreifen von Daten unterzeichnet. Die Bing-Twittersuche ist Googles Echtzeitfunktion zumindest in der Analyse derzeit voraus. Doch Google tut nun auch einen ersten Schritt in diesen Markt – man darf gespannt auf den nächsten sein.

Via: Spiegel Online

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