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Gen schützte Kannibalen vor Hirnerkrankung

Dani Tribe

Papua-Neuguinea – Sie aßen die Hirne ihrer Toten – und starben zu Tausenden an Kuru, einer tödlichen Hirnerkrankung. Jetzt haben Forscher bei Einheimischen in Papua-Neuguinea eine Genvariante entdeckt, die vor dem Leiden schützt – sie ist ein Beispiel dafür, wie schnell die Evolution arbeiten kann.


Dani Tribe

Eingeborene in Papua-Neuguinea (1971): Genvariante schützt vor Kuru-Krankheit

Es war ein gruseliges Ritual: Bis Ende der fünfziger Jahre war es im Stamm der Fore auf Papua-Neuguinea üblich, die Hirne der Verstorbenen bei deren Beerdigung zu verspeisen – als Ausdruck des Respekts und der Trauer. Mehr als 2500 Eingeborene kostete diese spirituelle Tradition das Leben, denn auf diese Weise verbreitete sich Kuru, eine infektiöse und unheilbare Erkrankung. Nachdem Wissenschaftler die Ursache erkannt hatten, verbot die australische Regierung das Trauerritual.

Jetzt haben Forscher eine überraschende Entdeckung gemacht: Innerhalb kürzester Zeit hatten die Kannibalen auf Papua-Neuguinea eine Immunität gegenüber Kuru entwickelt. Im Erbgut von Überlebenden einer Kuru-Epidemie fanden die Wissenschaftler das bisher unbekannte „Anti-Kuru-Gen“. Simon Mead, einer der Autoren der Studie, die jetzt im „New England Journal of Medicine“ erschienen ist, sieht darin sogar „ein Beispiel wie aus dem Lehrbuch, das zeigt, wie die Evolution vonstatten geht“.
Löcher im Gehirn

Die Theorie der Wissenschaftler vom University College London: „Unter dem starken Selektionsdruck, den die Krankheit verursachte, kam es zu einer plötzlichen genetischen Anpassung“, erklärt Mead. Demnach ist das Anti-Kuru-Gen eine Variante des Gens PRNP, aus dem die Zelle die sogenannten Prionen herstellt. Diese Eiweißmoleküle sind nach bisherigen Erkenntnissen für die tödliche Krankheit verantwortlich. Weil sie sich im Gegensatz zu den gutartigen Prionen falsch falten, werden sie unlöslich und lagern sich in den Nervenzellen ab. Die sterben ab – es bilden sich Löcher im Gehirn.

Zunächst hatten die Forscher angenommen, die neuentdeckte PRNP-Variante selbst sei der Auslöser von Kuru. Doch das Gegenteil war der Fall: Vielmehr scheint die Mutation vor der Krankheit zu schützen. Die Wissenschaftler fanden das Anti-Kuru-Gen, nachdem sie die DNA von 152 toten Fore-Einheimischen, die an Kuru gestorben waren, isoliert und sie mit der DNA von mehr als 3000 lebenden Stammesmitgliedern verglichen hatten. Davon zählten 709 noch zu den Kannibalen – sie hatten am Hirnessen teilgenommen, bevor es abgeschafft wurde. Bei 51 dieser Kannibalen entdeckten die Forscher die Variante des Prionengens PRNP. Unter den Toten befand sich dagegen kein einziger Besitzer des Anti-Kuru-Gens.

Da Kuru eng mit BSE und der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit verwandt ist, hoffen die Wissenschaftler um Mead nun, ihre Erkenntnisse in neue Behandlungsmöglichkeiten solcher Prionenerkrankungen umsetzen zu können. Die Kuru-Krankheit hatte sich innerhalb von 200 Jahren auf Papua-Neuguinea entwickelt und breitete sich rasch aus. Wer an Kuru erkrankt, stirbt in der Regel innerhalb von einem Jahr.

via: www.spiegel.de/wissenschaft

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