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Der Reis der Zukunft soll in Hochhäusern wachsen

Forschung zur Anwendung von Skyfarming nimmt Fahrt auf. Agrarwissenschaftler der Universität Hohenheim wollen ein revolutionäres Skyfarming-Konzept zur Anwendung bringen: Würde man den Ackerbau künftig in Hochhäuser verlagern, wären viele Probleme auf einmal gelöst. Die Umsetzung erweist sich jedoch als schwierig.

Die Idee, Nutzpflanzen in Großstädten im Hochhaus anzubauen, ist nicht neu: Seit Ende der 1990ger versucht der amerikanische Ökologieprofessor Dickson Despommier, Industrie und Öffentlichkeit für das so genannte „Vertical Farming“ zu begeistern. Durch eine Verlagerung der Landwirtschaft in die Senkrechte könnte ein Vielfaches an Ackerland eingespart werden, Transportwege zu den Verbrauchern würden dramatisch verkürzt, die Pflanzen wären geschützt vor Dürre, Frost und Insektenfraß – das Konzept des „Vertical Farming“ hat viele Argumente für sich.

© DAPD

Agrarwissenschaftler der Universität Hohenheim gehen noch einen Schritt weiter: Gemeinsam mit mehreren Kooperationspartern von Seiten der Industrie arbeiten sie an der Realisierung eines Projektes, welches „heute so visionär ist wie in den 1950er Jahren die Mondlandung“, so Folkard Asch, einer der beiden Gründungsväter des ambitionierten Vorhabens. Gemeinsam mit Joachim Sauerborn untersucht Asch, wie sich Reis so in einem durchtechnisierten Hochhaus anbauen lässt, dass von außen lediglich Sonnen- und Windenergie benötigt werden. Alle anderen Komponenten inklusive des Wassers und der Nährstoffe zirkulieren im geschlossenen System innerhalb des 500 Meter hohen Hauses, in dem der Reis an 365 Tagen im Jahr klimaneutral und substratfrei wächst – so die Vision der beiden Professoren.

In der Umsetzung lassen sie sich durchaus von praktischen Motiven leiten.

„Reis ist vom weltweiten Verzehr her gesehen das wichtigste Getreide und liefert der Menschheit etwa 20% ihrer Nahrungskalorien“, erläutert Asch den Grund für die Wahl ihrer Modellpflanze. „Durch die Zunahme der Weltbevölkerung wird der jährliche Bedarf an Reis im Jahr 2035 um etwa 116 Millionen Tonnen höher sein als heute.“ Die Ertragssteigerung, welche das von Sauerborn und Asch visionierte Skyfarming-Modell erbringen würde, könnte diesen Mehrbedarf decken. Bis sich dieses Modell realisieren lässt, sehen die Initiatoren jedoch noch allerhand Forschungsbedarf. „Wir wissen beispielsweise noch nicht einmal, wie viel Wasser und Licht die Reispflanze mindestens braucht um zu wachsen“, so Asch. Um das Skyfarming so hocheffizient betreiben zu können wie geplant, sind diese Informationen jedoch grundlegend. Entscheidend sei vor allem die Entwicklung der richtigen Lampen.Auch die Zufuhr an Nährstoffen muss noch weiter optimiert werden. Hierfür haben sich die Forscher eine besonders elegante Technik einfallen lassen: Mithilfe eines Ultraschallgerätes erzeugen sie einen Nährstoffnebel, den ein Luftstrom anschließend zu den Pflanzen transportiert.

Eine größere Herausforderung sehen die Forscher aktuell noch darin, das Skyfarming-Hochhaus mithilfe von Wind- und Sonnenenergie vollständig klimaneutral zu betreiben. Trotzdem hält Asch es für realistisch, dass innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre der erste Reis in Prototypen derartiger Hochhäuser wächst – unter der Voraussetzung, dass 12-15 Millionen Euro und ausreichend Manpower für das Projekt zur Verfügung stehen. Langfristig könnte also unter Hohenheimer Leitung ein Paradebeispiel der Nachhaltigkeit entstehen, dessen Bedeutung Asch so zusammenfasst: „Alle reden heutzutage vom CO2-Fußabdruck, von Energieeffizienz und von der Zukunft der Nahrungsversorgung, aber bisher gibt es kaum ein Projekt, das alle diese Probleme gemeinsam angeht.“ Nachdem das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Wissenschaftsjahr 2012 unter das Motto der Nachhaltigkeit gestellt hat, will die Universität ihr Musterprojekt nun auch bundesweit präsentieren. Und so wird ein Modell des durchtechnisierten Hochhauses im Maßstab 1:333 als Teil der diesjährigen Ausstellung an Bord der „MS Wissenschaft“ nächste Woche Fahrt aufnehmen. Bis zum 15. Oktober wird es dann in 36 Städten innerhalb Deutschlands zu bestaunen sein.

via: http://www.wissenschaft.de/

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